Afrikanische Union startet erste kontinentale Ratingagentur
Am Mittwoch rief die Afrikanische Union (AU) in der mauritischen Hauptstadt Port Louis offiziell die erste kontinentweite Ratingagentur ins Leben. Die African Credit Rating Agency (AfCRA) mit Sitz in dem Inselstaat im Indischen Ozean soll künftig die Kreditwürdigkeit von Staaten, Städten, Finanzinstitutionen und Unternehmen bewerten und damit nicht zuletzt die Arbeit der drei großen Ratingagenturen Fitch, Moody’s und S&P ergänzen. Die AU bezeichnete die Gründung als Meilenstein, der die finanzielle Eigenständigkeit des Kontinents stärken soll. Nach Angaben der AU soll die Agentur unabhängig arbeiten und sich als privatwirtschaftliches Unternehmen durch Gesellschafterkapital und laufende Einnahmen finanzieren. Wer die Anteilseigner sind, gaben die AU und der African Peer Review Mechanism (APRM), der maßgeblich an der Einrichtung der Agentur beteiligt war, bislang nicht bekannt. Die vorläufige Geschäftsführung soll der südafrikanische Ratingexperte und Geschäftsführer der regionalen Ratingagentur Sovereign Africa Ratings, Dr. Sifiso Falala, übernehmen.
Die bereits 2017 von der AU gebilligte Gründung der AfCRA wurde vom APRM mit Unterstützung der UN-Wirtschaftskommission für Afrika (ECA) vorangetrieben. Kritikerinnen und Kritiker bemängeln seit geraumer Zeit die Methoden der etablierten Agenturen, die zusammen rund 95 % des globalen Marktes beanspruchen. Besonders mit Blick auf die Bewertung afrikanischer Staaten wurde wiederholt Kritik laut, wonach die Agenturen mit Sitz in den USA und Großbritannien die Risiken für Afrika überzeichnen würden. Darüber hinaus werde der bedeutende informelle Sektor, der wirtschaftliche Krisen abfedern kann, nicht ausreichend berücksichtigt. Die Agenturen wiesen die Vorwürfe in der Vergangenheit mit Verweis auf weltweit einheitliche Methoden zurück. Zuletzt hatte die Afrikanische Export-Import-Bank (Afreximbank) im Januar ihre Zusammenarbeit mit Fitch beendet, nachdem die Bank durch die Agentur auf eine Stufe über Ramschniveau herabgestuft worden war.
Zudem verfügen nach Angaben des APRM mit Botsuana, Marokko und Mauritius nur drei afrikanische Staaten über eine niedrige Risikobewertung, 13 gelten als Länder mit sehr hohem Ausfallrisiko und ganze 23 werden von den führenden Agenturen gar nicht bewertet. Ende 2025 gab es auf dem Kontinent weniger als 4.000 Ratings, in der EU waren es 823.000. Entsprechend verteuert sich der Finanzmarktzugang: So kostete die Aufnahme eines Kredits von 100 US-Dollar auf internationalen Märkten afrikanische Schuldner im Jahr 2024 durchschnittlich 9 US-Dollar, in Asien waren es hingegen nur rund 4,70 US-Dollar. Das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) schätzt die dadurch entstehenden Mehrkosten auf 74,5 Milliarden US-Dollar jährlich. Gleichzeitig stieg der Schuldendienst auf dem Kontinent zuletzt nach AU-Angaben von etwa 61 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010 auf 163 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024.
AU-Kommissionspräsident Mahmoud Ali Youssouf betonte in Port Louis, die AfCRA müsse ihre Unabhängigkeit wahren, um das Vertrauen der Märkte zu gewinnen. APRM-Chefin Marie-Antoinette Rose Quatre rief dazu auf, die Agentur vor politischer Einflussnahme zu schützen, und mahnte die Regierungen zur Lieferung verlässlicher Wirtschaftsdaten. Chinesische Staatsmedien begrüßten die Gründung als Schritt zur Reform der internationalen Finanzarchitektur und kritisierten die strukturelle Benachteiligung Afrikas durch westliche Ratingagenturen. Die Ratingagentur Moody’s würdigte die Initiative und erklärte, sie könne die afrikanischen Kapitalmärkte stärken und das Verständnis von Kreditrisiken verbessern.
Finanzexpertinnen und -experten bewerten die Erfolgsaussichten der AfCRA unterschiedlich. Während einige an der Unabhängigkeit der von der AU initiierten Agentur zweifeln, sehen andere ihre vorrangige Aufgabe weniger darin, die Sicht ausländischer Anlegerinnen und Anleger zu verändern, als darin, afrikanische Ersparnisse verschiedener Fonds von rund 4 Billionen US-Dollar stärker in heimische Anlagen zu lenken. Hierfür sei zunächst entscheidend, dass die Agentur nach den Regulierungsstandards afrikanischer Länder anerkannt werde. Laut Falala befindet sich die Agentur bereits in Gesprächen mit verschiedenen afrikanischen Regierungen und Unternehmen. Die ersten Ratings sollen im ersten Quartal 2027 erscheinen.
Kenia und Uganda öffnen Zugang zum Börsengang der Dangote-Raffinerie
Am Dienstag genehmigte die Capital Markets Authority (CMA) Ugandas den Verkauf von Anteilen an der Dangote Petroleum Refinery and Petrochemicals FZE an Anlegerinnen und Anleger im Land. Tags zuvor hatte Kenia den Zugang über Global Depositary Receipts (GDRs) erlaubt; die CMA Kenias ließ dafür mehrere lizenzierte Firmen zu. Beide Zugänge beziehen sich auf den nigerianischen Börsengang der Dangote-Raffinerie bei Lagos, den der Unternehmer Aliko Dangote am 14. September gestartet hat. Er bietet Aktien im Wert von rund 1,6 Mrd. US-Dollar an, die Zeichnungsfrist endet am kommenden Dienstag.
In Uganda hat die CMA Massenwerbung und die Ansprache der breiten Öffentlichkeit für die Dangote-Aktien untersagt. Hier dürfen ausschließlich vermögende Privatanlegerinnen und Privatanleger sowie professionelle Investorinnen und Investoren Anteile erwerben. Interessierte müssen die eigens zugelassene SBG Securities Uganda Limited als lizenzierten Intermediär nutzen. Im Gegensatz dazu richtet sich das Angebot in Kenia ebenso wie in Nigeria explizit an Kleinanlegerinnen und Kleinanleger. Dangote und sein Unternehmen vermarkten den Börsengang explizit als „People’s IPO“. Zum Börsenstart sollen 10 Millionen Privatanlegerinnen und Privatanleger gewonnen und damit der bisherige Weltrekord von 4,5 Millionen privaten Anteilseignern beim Börsengang des saudischen Unternehmens Saudi Aramco gebrochen werden. Die Mindestzeichnung umfasst zehn Aktien im Wert von insgesamt 5.250 Naira (rund 3,40 Euro). Bei voller Zeichnung würde der Börsengang 2,15 Billionen Naira (ca. 1,45 Mrd. Euro) einbringen, wobei Aliko Dangote 87 % der Anteile seines Unternehmens behält. Der Erlös soll die Eigentümerbasis verbreitern und zum schrittweisen Ausbau der Kapazität der Raffinerie bei Lagos von rund 700.000 auf 1,4 Mio. Barrel pro Tag genutzt werden. Auch Ägypten, Äthiopien, Ghana, Ruanda und Südafrika führen Gespräche darüber, den Zugang zu Dangote-Aktien zu ermöglichen.
Zu Dangotes Plänen gehört auch eine Verarbeitungsanlage in Lamu, Kenia. Die Dangote East Africa Refinery soll in Zusammenarbeit mit Regierungen in Ostafrika betrieben werden. Am Mittwoch vergangener Woche feierten Dangote und Präsident William Ruto am Hafen von Lamu den Spatenstich für das Projekt. Mit einem Wert von 16 Mrd. US-Dollar ist es die größte individuelle Auslandsinvestition in der Geschichte Kenias. Die Raffinerie soll auf einem Gelände von über 7.000 Acres entstehen, bis 2030 fertig sein und 700.000 Barrel pro Tag verarbeiten. Dangote Industries plant auch hier einen künftigen Börsengang in Nairobi, wobei die ostafrikanischen Regierungen zusammen 30 % der Anteile erhalten sollen. Ziel ist die Energieautarkie von Äthiopien bis Mosambik durch den Ersatz importierter Raffinerieprodukte. Zudem sollen Kerosin nach Europa exportiert sowie Produktionskapazitäten für Petrochemikalien, Basisöle und Bitumen aufgebaut werden. Präsident Ruto rechnet mit über 60.000 direkten und indirekten Arbeitsplätzen. Dangote kündigte außerdem eine Ausbildungsstätte in Lamu für 1.000 Menschen an.
Das Projekt, welches Teil des Lamu-Hafen- und Transportkorridor-Projekts (LAPSSET) ist, bleibt jedoch umstritten. Fachleute warnen vor Problemen bei der Rohölversorgung und der Energieinfrastruktur, da Kenia bislang kein Rohöl kommerziell fördere und die Rohölproduktion der Nachbarländer vertraglich gebunden sei. Umweltschützerinnen und Umweltschützer fürchten Folgen für die Altstadt von Lamu, die zum Weltkulturerbe zählt, sowie für das empfindliche Meeresleben. Schließlich läuft um das Grundstück ein Rechtsstreit. 133 Einwohnerinnen und Einwohner von Chandavai klagen gegen ihre Enteignung und Zwangsumsiedlung. Laut der Klage gebe es weder einen Umsiedlungsplan noch eine Entschädigung. Außerdem habe weder die verfassungsgemäße Konsultation der dort wohnenden Gemeinschaften stattgefunden noch sei die gesetzlich vorgeschriebene Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt worden. Das zuständige Gericht in Malindi lehnte es zwar ab, den Spatenstich zu stoppen, ordnete aber an, den Status quo auf dem Projektgelände bis zur nächsten Anhörung am kommenden Mittwoch zu wahren. Bis dahin darf der Bau auf dem Gelände nicht beginnen. Wie lange das Verfahren dauern wird, ist unklar.
Sondermeldung: Herzlichen Glückwunsch an Navanethem „Navi“ Pillay zum Friedensnobelpreis 2026!
Am Freitag gab das norwegische Nobelkomitee bekannt, dass der Friedensnobelpreis 2026 an die südafrikanische Juristin Navi Pillay für ihren Einsatz für das Völkerrecht und die Verfolgung von Kriegsverbrechen und Völkermord verliehen wird. Als ehemalige Richterin am Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda und am Internationalen Strafgerichtshof sowie als frühere UN-Hochkommissarin für Menschenrechte setzte sie sich maßgeblich für die Durchsetzung der Menschenrechte und die strafrechtliche Verfolgung schwerster internationaler Verbrechen ein. Bereits während der Apartheid in Südafrika verteidigte sie politische Aktivisten, darunter Nelson Mandela. Später trug sie am Ruanda-Tribunal dazu bei, sexualisierte Gewalt als Völkermordhandlung völkerstrafrechtlich anzuerkennen.
Sondermeldung: Neue Entwicklungspolitische Nord-Süd-Kommission vorgestellt
Am Montag stellten der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz und die ehemalige Präsidentin Costa Ricas Laura Chinchilla in Berlin die 20 Mitglieder der im Juni dieses Jahres eingesetzten Entwicklungspolitischen Nord-Süd-Kommission (ENSK) vor. Zu den Mitgliedern des von der Bundesregierung ins Leben gerufenen Gremiums zählen künftig neben Weltbank-Präsident Ajay Banga und dem ehemaligen USAID-Leiter Mark Green auch sechs führende afrikanische Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und der Zivilgesellschaft. Die Generaldirektorin der Welthandelsorganisation (WTO) Ngozi Okonjo-Iweala aus Nigeria, der kongolesische Menschenrechtler und Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege und der kenianische Banker James Mwangi sind ebenso vertreten wie auch die britisch-nigerianische Präsidentin des Thinktanks International Crisis Group Comfort Ero, die frühere südafrikanische Vizepräsidentin Phumzile Mlambo-Ngcuka und Senegals ehemalige Premierministerin Aminata Touré. Ziel der Kommission ist es, Vorschläge für neue Modelle der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit zu erarbeiten, um damit zur Gestaltung der globalen Entwicklungsagenda für die Zeit nach 2030 sowie zur künftigen Ausrichtung der deutschen Entwicklungspolitik beizutragen. Die erste Sitzung der ENSK ist für den 16. und 17. Oktober am Rande der gemeinsamen Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Bangkok geplant. Ein Zwischendokument soll Mitte 2027 vorgelegt werden, der Abschlussbericht ist für Ende 2028 vorgesehen.
Und sonst?
Am Samstag ist das 19. Internationale Frauenfilmfestival von Salé (Festival International du Film de Femmes de Salé, FIFFS) in Marokko zu Ende gegangen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Rolle von Frauen in der Filmbranche sowie ihre Chancen auf Finanzierung, Sichtbarkeit und berufliche Möglichkeiten. Das Festival unter der Schirmherrschaft von König Mohammed VI. setzt seit mehr als zwei Jahrzehnten einen Schwerpunkt auf die Förderung von Frauen im marokkanischen und internationalen Kino. In diesem Jahr wurden die Filme erstmals mit arabischen Untertiteln gezeigt, um sie einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Im Hauptprogramm waren Filme aus 14 Ländern von fünf Kontinenten zu sehen, darunter Brasilien, Burkina Faso, Frankreich, Kanada und Südkorea. Der Hauptpreis ging an den Film Hijra der saudischen Regisseurin Shahad Ameen. Der Special Jury Prize wurde an Calle Málaga der marokkanischen Regisseurin Maryam Touzani vergeben. Der Film über eine spanische Witwe in Tanger ist eine multinationale Koproduktion von Belgien, Deutschland, Frankreich, Marokko und Spanien. Teil des Festivals ist darüber hinaus ein nationaler Wettbewerb ausschließlich für junge marokkanische Filmschaffende. Hier gewann die Komödie 2 RWAH („Zwei Seelen“) unter der Regie von Alaa Akarboune.