Bewaffnete Auseinandersetzungen in Tigray
Am Samstag kam es im Westen der Region Tigray zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der Volksbefreiungsfront von Tigray (Tigray People’s Liberation Front, TPLF) und den äthiopischen Regierungstruppen. Die Gefechte dauerten Berichten zufolge von Samstagmorgen bis zum Abend an. Dabei sollen auch schwere Artillerie und Drohnen eingesetzt worden sein. Laut Beobachterinnen und Beobachtern handelt es sich um die schwerwiegendste Auseinandersetzung seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Pretoria 2022, das den zweijährigen Bürgerkrieg in der Region Tigray zwischen der äthiopischen Bundesregierung und der TPLF beendete. Beide Seiten werfen sich vor, die Kämpfe begonnen und gegen die Vereinbarungen des Friedensprozesses verstoßen zu haben.
Die jüngsten Kämpfe folgten auf eine erneute politische Eskalation zwischen den beteiligten Parteien. Mitte Juli erklärte die TPLF das Pretoria-Abkommen für „faktisch gescheitert“ und kündigte an, nicht an der am 15. Juli begonnenen National Dialogue Conference teilzunehmen. Begründet wurde dieser Schritt unter anderem mit dem Vorwurf, die Bundesregierung habe zentrale Vereinbarungen des Friedensprozesses nicht umgesetzt. Zudem warf die TPLF der Regierung von Premierminister Abiy Ahmed vor, durch eine wirtschaftliche Blockade der Region und den Einsatz von Drohnen den Druck auf Tigray erhöht zu haben. Zu den Spannungen hatten auch der Ausschluss Tigrays von den Parlamentswahlen im Juni dieses Jahres (Pressespiegel KW 23/2026) und die Wiedereinsetzung des Tigray Regional State Council durch die TPLF (Pressespiegel KW 19/2026) beigetragen.
Gleichzeitig verdichteten sich die Hinweise auf eine mögliche militärische Eskalation. Medienberichten zufolge hatten beide Seiten bereits seit Monaten Truppen entlang der Regionalgrenzen zu Tigray im Norden Äthiopiens stationiert und Vorbereitungen für eine erneute bewaffnete Auseinandersetzung getroffen. Human Rights Watch berichtete, dass die Tigray-Behörden mindestens seit April dieses Jahres Zivilistinnen und Zivilisten, darunter auch Jugendliche, unrechtmäßig rekrutiert hätten. Zugleich wurde dem TPLF-Vorsitzenden Debretsion Gebremichael in äthiopischen Staatsmedien vorgeworfen, die tigrayische Bevölkerung für einen neuen Krieg zu mobilisieren.
Die National Dialogue Conference ist Teil des von der äthiopischen Regierung initiierten Nationalen Dialogprozesses, der darauf abzielt, politische Konflikte und grundlegende Streitfragen des Landes durch einen inklusiven Austausch zu behandeln. Die Konferenz soll einen Rahmen schaffen, um zentrale politische Fragen Äthiopiens zu diskutieren, darunter auch die zukünftige politische Ordnung des Landes. Die äthiopische Regierung und staatliche Medien stellen den Nationalen Dialog als wichtigen Schritt auf dem Weg zu einem breiten gesellschaftlichen Konsens über die politische Zukunft Äthiopiens dar. Beobachterinnen und Beobachter stellen hingegen die Repräsentativität des Prozesses infrage, insbesondere wegen der fehlenden Beteiligung zentraler politischer Akteure wie der TPLF. Zwar nehmen Vertreterinnen und Vertreter aus Tigray an der Konferenz teil, diese wurden jedoch nicht von der TPLF entsandt, sondern über andere Auswahlwege in den Prozess eingebunden. Angesichts der politischen Bedeutung der TPLF in der Region sehen Kritikerinnen und Kritiker darin eine zentrale Herausforderung für die Legitimität und Reichweite des Dialogs.
Kenia schafft neuen Rahmen für internationale Kohlenstoffmärkte
Am Montag stellte die kenianische Regierung ein neues Regelwerk für die Beteiligung Kenias an internationalen Kohlenstoffmärkten vor. Der Guide for Strategic Engagement in Carbon Markets zählt zu den bislang detailliertesten nationalen Rahmenwerken Afrikas in diesem Bereich. Kernstück des Leitfadens ist eine Obergrenze für sogenannte Internationally Transferred Mitigation Outcomes (ITMOs), also international übertragene Emissionsminderungen nach Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens. Bis 2030 dürfen insgesamt höchstens zehn Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent als ITMOs an andere Staaten übertragen werden. Damit soll verhindert werden, dass Kenia mehr Emissionsminderungen ins Ausland überträgt, als es seine eigenen Klimaziele zulassen. Gleichzeitig soll das Regelwerk internationale Investitionen in den kenianischen Kohlenstoffmarkt erleichtern.
Ein zentraler Bestandteil des neuen Regelwerks ist außerdem ein dreistufiges Genehmigungsverfahren für Projekte, deren Emissionsminderungen international übertragen werden sollen. Das bislang häufig als wenig vorhersehbar beschriebene Verfahren wird durch die drei Phasen „Keine Einwände“, „Genehmigung“ und „Zulassung“ ersetzt. Dadurch sollen laut Regierung die Transparenz erhöht, die Planungssicherheit für Projektentwicklerinnen und -entwickler verbessert und Entscheidungsprozesse nachvollziehbarer gestaltet werden. Zudem legt der Leitfaden eine vorläufige Liste vorrangiger Aktivitäten fest, die grundsätzlich für internationale Transfers infrage kommen. Dazu gehören unter anderem Projekte aus den Bereichen erneuerbare Energien, Verkehr und Abfallwirtschaft. Die Aufnahme in die Liste bedeute jedoch keine automatische Genehmigung, sondern solle lediglich die Prüfung von Vorhaben beschleunigen, die mit den Entwicklungsprioritäten Kenias übereinstimmen, so die Behörde. Forst- und Landnutzungsprojekte wurden zunächst nicht in die Liste vorrangiger Aktivitäten aufgenommen. Gründe hierfür seien eine unzureichende Datengrundlage sowie Risiken hinsichtlich der Dauerhaftigkeit des gespeicherten Kohlenstoffs.
Die neuen Regelungen sind Teil des schrittweisen Aufbaus einer nationalen Kohlenstoffmarkt-Infrastruktur. Mit einer Änderung des Klimaschutzgesetzes im Jahr 2023 und der Einführung neuer Vorschriften für Kohlenstoffmärkte im Jahr 2024 schuf Kenia die rechtlichen Grundlagen für die Regulierung des Marktes. Im Februar 2026 führte das Land zudem ein nationales Kohlenstoffregister (Kenya National Carbon Registry) ein, in dem genehmigte Projekte und übertragene Emissionsminderungen erfasst werden. Das Register soll die Transparenz des Marktes erhöhen und verhindern, dass dieselben Emissionsminderungen mehrfach angerechnet werden. Der nun veröffentlichte Leitfaden ergänzt diese Strukturen um ein einheitliches Verfahren für die Genehmigung und Übertragung von Emissionsminderungen. Als nächster Schritt ist die Einrichtung einer nationalen CO₂-Börse geplant, die voraussichtlich ab 2027 einen regulierten Handel mit Emissionsgutschriften ermöglichen soll.
Und sonst?
Bis Samstag findet in Cotonou, Benin, das Weltsozialforum (WSF) statt. Unter dem wiederkehrenden Motto „Eine andere Welt ist möglich“ stehen Diskussionen, Workshops und Kulturveranstaltungen zu globalen sozialen und politischen Fragen wie Klimagerechtigkeit, Dekolonisierung und Menschenrechte auf dem Programm. Rund 50.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus etwa 150 Ländern nehmen an dem fünftägigen Treffen teil. Erstmals seit 2015 wird das Forum wieder auf dem afrikanischen Kontinent ausgetragen. Unterstützt wurde die Austragung in Benin von der Global Convergence of Struggles for Land and Water – West Africa, die in diesem Jahr als Mitorganisator auftritt. Nach Angaben der Organisatorinnen und Organisatoren soll die diesjährige Ausgabe die Einbindung afrikanischer Perspektiven in die Debatten stärken. Das Weltsozialforum wurde 2001 als Gegenentwurf zum Weltwirtschaftsforum in Davos gegründet und findet in diesem Jahr zum 17. Mal statt. Es bietet sozialen Bewegungen, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen sowie indigenen Gruppen eine Plattform für Austausch und Vernetzung.