Der Deutsche Afrika-Preis 2026 geht an die kenianische Ernährungsexpertin und Sozialunternehmerin Wawira Njiru. Die Deutsche Afrika Stiftung würdigt damit ihren wegweisenden Ansatz, Schulernährung als Teil wirtschaftlichen Handelns neu zu denken. Mit Food4Education (F4E), dem von ihr 2012 gegründeten gemeinnützigen Sozialunternehmen, arbeitet die 35-Jährige mit Familien, Schulen, Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sowie Regierungen daran, skalierbare, landesweite Systeme aufzubauen, die Schulernährung mit lokaler Lebensmittelproduktion, Beschäftigung und wirtschaftlicher Entwicklung verbinden.
Die Frage der Ernährungssicherheit ist dringlicher denn je: Konflikte wie der Iran-Krieg und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, klimabedingte Unsicherheiten und fragile Lieferketten setzen Ernährungssysteme weltweit unter Druck. Vor diesem Hintergrund würdigt die Jury des Deutschen Afrika-Preises Njirus Arbeit, die Ernährungssicherheit mit wirtschaftlicher Teilhabe verbindet und lokale Wertschöpfungsketten stärkt.
„Wawira Njiru zeigt, dass Schulernährung weit mehr sein kann als die Bereitstellung von Mahlzeiten. Mit Food4Education hat sie ein System geschaffen, das Kinder erreicht, Familien einbindet und lokale Wirtschaftskreisläufe stärkt. Ihre Idee und ihr Engagement führten zu einem afrikanischen Lösungsansatz für eine globale Herausforderung“, erklärt Claus Stäcker, Präsident der Jury des Deutschen Afrika-Preises und Director Programs for Africa der Deutschen Welle. Der Preis wird am 4. November von der Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Reem Alabali Radovan, im Allianz Forum in Berlin überreicht.
Was mit der Zubereitung von Mahlzeiten für 25 Schulkinder begann, erreicht heute mehr als 660.000 Kinder an über 1.900 Schulen in Kenia. Inzwischen wurden bereits mehr als 200 Millionen Mahlzeiten ausgegeben. Anders als bei klassischen, von Hilfsleistungen abhängigen Modellen versteht F4E Schulernährung als lokal verankertes System, das von verschiedenen Seiten gemeinsam getragen wird: Familienbeiträge, staatliche Finanzierung und gezielte philanthropische Finanzierung sichern gemeinsam die langfristige finanzielle Tragfähigkeit. Tap2Eat, die digitale Plattform von F4E, ermöglicht es Familien, über tragbare NFC-Armbänder oder -Karten einen Beitrag zu den Mahlzeiten zu leisten, und ermöglicht eine präzise Planung von Beschaffung, Zubereitung und Verteilung in allen Küchen, einschließlich der solar- und dampfbetriebenen Giga Kitchen in Nairobi. Auf diese Weise gelingt es F4E, eine nahrhafte Mahlzeit für rund 30 Cent bereitzustellen, während der Anteil der Lebensmittelabfälle unter zwei Prozent gehalten wird.
„Lange Zeit wurde Schulernährung als Wohltätigkeit betrachtet. Wir haben bewiesen, dass sie wirtschaftliche Infrastruktur ist. Was wir in Kenia aufgebaut haben, zeigt, was möglich ist, wenn afrikanische Lösungen an unseren eigenen Realitäten ausgerichtet sind und so entwickelt werden, dass sie im großen Maßstab funktionieren. Afrikanische Regierungen fragen uns nicht mehr, wie viele Kinder wir versorgen können. Sie fragen uns, wie viele Arbeitsplätze wir schaffen, wie viele Bäuerinnen und Bauern wir mit Märkten verbinden können und wie viel ihres eigenen Budgets in lokale Gemeinschaften zurückfließt. Das ist der Wandel, für den dieser Preis steht: Afrika baut eine Wirtschaft rund um Schulernährung auf, und F4E beschleunigt diese Entwicklung“, unterstreicht die Preisträgerin Wawira Njiru.
Rund 80 Prozent der von F4E ausgegebenen Lebensmittel stammen von lokalen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die dadurch einen verlässlichen Absatzmarkt für ihre Erzeugnisse erhalten. Das wachsende Unternehmen beschäftigt inzwischen mehr als 6.000 Menschen, die Mehrheit davon Frauen und junge Menschen. Viele von ihnen sind in ihrer ersten formellen Beschäftigung tätig, unter anderem als Küchenmanagerinnen und -manager, Fachkräfte für Lebensmittelsicherheit, Logistik und Lieferketten sowie als Softwareentwicklerinnen und -entwickler.
Der Ansatz von Wawira Njiru findet zunehmend auch über Kenia hinaus Beachtung und zeigt das Potenzial afrikanischer Lösungen, über Grenzen hinweg Wirkung zu entfalten und dabei lokale Eigenverantwortung und Anpassungsfähigkeit zu bewahren – wichtige Voraussetzungen für nachhaltige Strukturen. Nachdem F4E seit 14 Jahren in Kenia tätig ist und dort bis 2027 täglich eine Million Kinder mit Schulmahlzeiten erreichen will, gibt die Organisation ihre Erfahrungen, Technologien und Expertise inzwischen auch im Rahmen von Partnerschaften an afrikanische Regierungen weiter. In Sambia unterstützt F4E beispielsweise die Regierung dabei, ein landesweites, staatlich getragenes Schulernährungssystem zu stärken.