Abgesetzter Premierminister Sonko zum neuen Parlamentspräsidenten in Senegal gewählt
Am Dienstag wurde der abgesetzte senegalesische Premierminister Ousmane Sonko mit 132 von 133 abgegebenen Stimmen zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt. Die Wahl erfolgte nur wenige Tage, nachdem Präsident Bassirou Diomaye Faye Sonko am Freitag als Premierminister entlassen und die Regierung aufgelöst hatte. Bereits am Sonntag war der bisherige Parlamentspräsident El Malick Ndiaye zurückgetreten, um Sonko den Weg für das Amt freizumachen. Trotz seiner Entlassung steigt Sonko damit zur zweitmächtigsten politischen Figur des Landes auf. Seine Partei, die Patriotes africains du Sénégal pour le travail, l’éthique et la fraternité (PASTEF), verfügt mit 130 von 165 Sitzen über eine deutliche Mehrheit im Parlament.
Nach Sonkos Entlassung stellte sich PASTEF, der auch Präsident Faye angehört, hinter Sonko und lobte dessen „Führungsstärke“, „Weitsicht“ und „bemerkenswerte Arbeit“. Seine anschließende Wahl zum Parlamentspräsidenten mit den Stimmen von 132 der 165 Abgeordneten wurde als deutliche Zurückweisung von Fayes Entscheidung gewertet. Allerdings boykottierten rund dreißig Oppositionsabgeordnete die Abstimmung und verließen den Plenarsaal, als Sonko ihn betrat. Aïssata Tall Sall, Vorsitzende der Oppositionskoalition TAKKU WALLU Sénégal, sprach von einem „institutionellen Staatsstreich“. Auch der Abgeordnete Abdou Mbow, ein Mitglied der Partei des ehemaligen Präsidenten Macky Sall, kritisierte die Wahl als „rechtswidrig”. Sonko, der bei den Parlamentswahlen im November 2024 zwar zum Abgeordneten gewählt worden war, jedoch die Aussetzung seines Mandats nach seiner Ernennung zum Premierminister beantragt hatte, hätte nicht direkt zum Parlamentspräsidenten gewählt werden dürfen. Zudem forderte Tall Sall Präsident Faye auf, den Verfassungsrat anzurufen, um die Rechtslage klären zu lassen und eine aus ihrer Sicht „von der Mehrheit erzwungene Rechtswidrigkeit“ zu verhindern.
Faye und Sonko galten lange als enge politische Verbündete. Sonko, der als Mentor Fayes und populärster Politiker von PASTEF gilt, durfte wegen einer Verurteilung wegen Verleumdung nicht selbst bei der Präsidentschaftswahl 2024 kandidieren. Stattdessen unterstützte er Faye, der die Wahl gewann (Pressespiegel KW 13/2024) und ihn anschließend zum Premierminister ernannte. Gemeinsam waren sie mit dem Versprechen angetreten, Korruption zu bekämpfen und die Wirtschaft zu reformieren. In den vergangenen Monaten verschlechterten sich die Beziehungen jedoch zunehmend. Streitpunkte waren insbesondere der Umgang mit der Schuldenkrise, die Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie Fragen der politischen Führung. Während Faye als offen für eine Zusammenarbeit mit dem IWF gilt, vertritt Sonko einen stärker souveränitätsorientierten Kurs und lehnt eine Umschuldung des Landes ab. Die Spannungen fallen in eine schwierige wirtschaftliche Phase. Senegal bemüht sich seit 2024 um ein neues Abkommen mit dem IWF, nachdem dieser ein Kreditprogramm über 1,8 Milliarden US-Dollar wegen zuvor nicht ausgewiesener Staatsschulden der Vorgängerregierung ausgesetzt hatte. Die Staatsverschuldung liegt inzwischen bei mehr als 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Zum neuen Premierminister ernannte Faye am Montag den Ökonomen Ahmadou Al Aminou Lo, einen ehemaligen Mitarbeiter der westafrikanischen Zentralbank. In seiner ersten Rede bemühte sich Lo, Investoren und internationale Partner zu beruhigen. Senegal sei ein „sicheres und verlässliches Land“, sagte er, räumte jedoch ein, dass sich die öffentlichen Finanzen in einer „Notlage“ befinden. Als neuer Parlamentspräsident kritisierte Sonko unterdessen, dass PASTEF weder in die Ernennung des neuen Premierministers noch in die Bildung der neuen Regierung einbezogen worden sei. Zugleich zeigte er sich gesprächsbereit und betonte, seine neue Position nicht nutzen zu wollen, um „gegen irgendjemanden zu kämpfen“. Zwar begrüßte er Los Ernennung, verwies jedoch auf „gewisse Meinungsverschiedenheiten“ in der Währungs- und Schuldenpolitik.
Analystinnen und Analysten zufolge könnte Sonko seine neue Position nutzen, um die politische Agenda des Landes maßgeblich mitzubestimmen. Da große Teile der Parlamentsmehrheit sowie die Parteibasis weiterhin hinter ihm stehen, könnte er Fayes politische Vorhaben erschweren oder blockieren. Die anhaltenden Spannungen zwischen beiden Politikern könnten zudem die Verhandlungen mit dem IWF sowie das Vertrauen internationaler Investoren belasten.
Jahrestagung der Afrikanischen Entwicklungsbank
Heute endet die fünftägige Jahrestagung der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB) in der kongolesischen Hauptstadt Brazzaville. Unter dem diesjährigen Motto „Mobilisierung von Entwicklungsfinanzierungen für Afrika in großem Maßstab in einer fragmentierten Welt“ kamen rund 3.000 Delegierte, darunter hochrangige Regierungsvertreterinnen und -vertreter, Mitglieder des Gouverneursrats, Investorinnen und Investoren sowie Vertreterinnen und Vertreter des Privatsektors, der Jugend und der Zivilgesellschaft zusammen.
AfDB-Chef Sidi Ould Tah, der seine Position im September letzten Jahres angetreten hatte, betonte bei der Eröffnung, dass sich die Entwicklungsgeschichte des Kontinents an einem kritischen Wendepunkt befinde. Angesichts der geopolitischen Entwicklungen sei es notwendig, mehr eigenes Kapital zu mobilisieren und Abhängigkeiten zu reduzieren. Ein wichtiges Reformvorhaben Tahs ist dabei die New African Financial Architecture for Development (NAFAD). Der Koordinierungsmechanismus soll vorhandene Liquidität – der Kontinent verfügt über rund vier Billionen US-Dollar an Industriekapital – in großem Umfang in investierbares Kapital umwandeln. Auf diese Weise soll NAFAD dazu beitragen, Afrikas jährliche Entwicklungsfinanzierungslücke von schätzungsweise rund 400 Milliarden US-Dollar zu schließen. Beim African Forward Summit in Kenia (Pressespiegel KW 20/2026) erhielt Tah bereits breite Unterstützung von afrikanischen Staats- und Regierungschefs für seine Reformvorhaben; bei der Jahrestagung soll nun auch die Zustimmung des Gouverneursrates gewonnen werden.
Am Montag stellte die Bankengruppe außerdem den African Industrialisation Index (AII) 2025 vor, wonach die industrielle Integration des Kontinents über den Zeitraum von 2010 bis 2024 eher gering ausfalle; der inter-afrikanische Handel beträgt laut AII gerade einmal 14,4 % des bilateralen Gesamthandels. Dennoch konnten 41 der 54 Länder ihre Ergebnisse verbessern, während Marokko Südafrika als führende Industrienation des Kontinents ablöste. Ebenfalls vorgestellt wurde der African Economic Outlook für 2026. Generell fällt die Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung des Kontinents positiv aus, die Prognosen mussten jedoch aufgrund exogener Schocks, insbesondere der Unterbrechung von Wertschöpfungsketten und steigender Energiepreise infolge des Iran-Krieges angepasst werden. Für das laufende Jahr wird nun ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 4,2 % erwartet – 0,3 Prozentpunkte weniger als noch zu Beginn des Jahres und 0,2 % weniger im Vergleich zum Vorjahr (4,4 %). Die Berechnungen beruhen dabei auf einem moderaten Szenario, in dem der Iran-Krieg zwei bis drei Monate andauert. Bei einem längeren Verlauf des Konflikts könnte die Wachstumsrate noch in diesem Jahr auf 4 % zurückfallen. Am Mittwoch veröffentlichte die Bankengruppe zudem den Trade Finance Report 2025, der trotz eines schwierigen globalen Umfelds eine vergleichsweise hohe Resilienz afrikanischer Finanzinstitutionen seit der Covid-19-Pandemie konstatiert. Zwar sei die ungedeckte Nachfrage nach Handelsfinanzierung zwischen 2019 und 2024 um nahezu 10 % zurückgegangen, die Finanzierungslücke liege jedoch weiterhin zwischen 74 und 92 Milliarden US-Dollar. Zugleich habe der innerafrikanische Handel zwischen 2020 und 2024 bereits 34 % des bankfinanzierten Handels ausgemacht und damit deutlich über dem Vor-Pandemie-Niveau gelegen.
Die Jahrestagung ist das wichtigste Ereignis der Afrikanischen Entwicklungsbank, die als führende multilaterale Entwicklungsfinanzierungsinstitution in Afrika gilt. Hier tritt der Gouverneursrat, das höchste Entscheidungsgremium der AfDB zusammen, um die Leistung des vergangenen Jahres zu überprüfen und Reformen zu beschließen. Er besteht aus 81 Mitgliedern – jeweils einer Gouverneurin oder einem Gouverneur sowie einer Stellvertretung für jeden der 54 afrikanischen Mitgliedstaaten und 27 nicht-afrikanischen Partnerländer, darunter auch Deutschland.
Und sonst?
Vergangenen Freitag endete die viertägige Africa Week 2026 der UNESCO im UNESCO-Hauptquartier in Paris. Unter dem Motto „Sicherstellung nachhaltiger Verfügbarkeit von Wasser und sicheren sanitären Systemen zur Erreichung der Ziele der Agenda 2063“ brachte die Veranstaltung Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Zum Auftakt betonten die stellvertretende Generaldirektorin der UNESCO, Åsa Regnér, und die kongolesische Außenministerin Thérèse Kayikwamba Wagner – die DR Kongo hatte die Präsidentschaft der diesjährigen Africa Week inne – die zentrale Bedeutung von Wasser und Sanitärversorgung für Entwicklung, Gesundheit, Bildung, Frieden und regionale Zusammenarbeit in Afrika. Beim Jugendforum, das zum ersten Mal stattfand, präsentierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus afrikanischen Ländern Ideen zu nachhaltigem Wassermanagement, Sanitärversorgung und Klimaresilienz. Den Pitch-Wettbewerb des Forums gewann die 27-jährige Patricia Mwangelwa Longwani aus Sambia, die die Jury mit einem solarbetriebenen, KI-gestützten Smart-Kompostbehälter überzeugte, der organische Abfälle in Kompost umwandelt. Darüber hinaus umfasste die Africa Week eine afrikanische Buchmesse, Veranstaltungen zur afrikanischen Design- und Erinnerungskultur sowie eine Kulturgala zum Abschluss. Die Veranstaltungsreihe fand anlässlich des Africa Day am Montag statt, der an die Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU), der heutigen Afrikanischen Union (AU), im Jahr 1963 erinnert.
Veranstaltungshinweise
African Book Festival 2026
Heute startet das African Book Festival im tak – Theater Aufbau Kreuzberg in Berlin. Unter dem Motto „Welcome to the Club” erwartet die Besucherinnen und Besucher über das Wochenende ein abwechslungsreiches Festivalprogramm mit Lesungen, Diskussionen und Workshops. Kuratiert wurde das Festival – wie das Motto schon verrät – in diesem Jahr vom Publikum selbst. So konnten sich Interessierte im Vorfeld mit Themen-, Gäste- und Formatvorschlägen aktiv an der Gestaltung des Festivalprogramms beteiligen. Zum Auftakt heißt es “Welcome to the Club – Stories Across Continents”. Unter musikalischer Begleitung von DJ PAM BAM gibt es hier die Möglichkeit, Autorinnen und Autoren sowie Buchclubs kennenzulernen und im Festival Book Shop zu stöbern. Am Samstag diskutieren die Autorinnen Karen Jennings und Dudu Busani-Dube sowie der Autor Troy Onyango über literarische und künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten angesichts wirtschaftlicher Unsicherheiten sowie der wachsenden Bedeutung von Literaturpreisen und Stipendien. Veranstaltet wird das jährliche African Book Festival vom Verein InterKontinental e.V., der sich der Förderung afrikanischer und afrodiasporischer Literatur in Deutschland widmet.
KeNaKo Afrika Festival 2026
Vom 4. bis 14. Juni findet das KeNaKo Afrika Festival 2026 auf dem Washingtonplatz am Berliner Hauptbahnhof statt. Unter dem Motto „Frieden in Zeiten globaler Kriegsführung“ werden täglich von 11 bis 22 Uhr in Podiumsdiskussionen und Vorträgen globale Verflechtungen kriegerischer Konflikte sowie deren Auswirkungen auf Afrika und den Globalen Süden beleuchtet. Im Fokus stehen dabei Wissenslücken, postkoloniale Perspektiven sowie die sozialen und humanitären Folgen von Kriegen, die nachhaltige Entwicklung, Bildung, Gesundheit und gesellschaftliche Stabilität weltweit gefährden. Darüber hinaus erwartet die Besucherinnen und Besucher ein vielfältiges musikalisches und künstlerisches Bühnenprogramm, zahlreiche Mitmachangebote für Jung und Alt sowie ein Markt mit Kunsthandwerk, Kleidung, Speisen und vielem mehr. Alle Veranstaltungen sind kostenlos.